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Lesen lernen 3 – Rechtschreibung braucht keine Eile – sondern Vertrauen

Exkurs Rechtschreibung

Ich schließe nicht aus, dass es junge Menschen gibt, ob diese nun in der Schule oder zu Hause lernen, die sowohl beim Schriftspracherwerb als auch beim Erlernen der normgerechten Rechtschreibung Unterstützung brauchen. In den Lehrplänen und in der Schule wird dieser Punkt in meinen Augen allerdings stark überbewertet. Ich habe in den letzten Jahrzehnten bei jungen Menschen beobachten können, dass sich deren Rechtschreibung im Alter zwischen 15 und 18 Jahren festigt und sie ab diesem Zeitpunkt kaum oder nur wenige Fehler im alltäglichen Schreiben machen, egal ob sie sich in der Schule bildeten oder zu Hause, ob nun mit viel Rechtschreibübungspraxis oder wenig. Mein Eindruck ist, dass sich in dieser Zeit im Gehirn etwas sortiert, denn auch junge Menschen, welche vorher große Schwierigkeiten mit Rechtschreibung hatten, beherrschten diese nun weitaus besser. Meines Erachtens ist es allerdings utopisch, zu glauben, dass jeder junge Mensch bis zum Erwachsenenalter die Rechtschreibung perfekt beherrschen wird, was gegenwärtig sicher auch nur auf wenige zutrifft, machen doch die meisten Erwachsenen hin und wieder Fehler.

In Deutschland haben wir trotz Schulpflicht seit Jahren über 7 Millionen mindestens funktionelle Analphabeten. Der Großteil von ihnen hat die Schule mit ihrem regelmäßigen Rechtschreibunterricht durchlaufen. In einer Welt, die von Schrift beherrscht wird, sind diese Menschen von wesentlichen Bereichen unserer Gesellschaft ausgeschlossen. Dieses Wissen im Hinterkopf lässt viele Eltern ängstlich reagieren, wenn ihre frei sich bildenden Kinder mit acht Jahren oder sogar noch später die Fähigkeiten des Lesens und Schreibens noch nicht gemeistert haben. War man über Jahrhunderte hinweg fast ausschließlich darauf angewiesen, Lesen zu können, um sich zu bilden, hat sich doch mit der Entwicklung der neuen Medien die Situation wesentlich vereinfacht, sich auch schon vor dem Erlernen dieser Fähigkeiten Informationen anzueignen. Fernsehen und Internet bieten eine große Fülle an Informationen, die zu einem guten Teil auch ohne Kenntnis der Schriftsprache zugänglich sind.

Beobachtungen an Sudbury-Schulen und die Ergebnisse der Studie über den Schriftspracherwerb von Harriet Patisson lassen vermuten, dass unsere Gesellschaft in Bezug auf das „richtige“ Alter und die richtige Art der Aneignung beim Schriftspracherwerb einiges überdenken sollte. Junge Menschen, die selbstbestimmt lernen, beginnen nicht alle zum gleichen Zeitpunkt damit, Lesen und Schreiben zu lernen. Auch wenn der größte Teil der selbstbestimmt Lernenden zwischen 7 und 8 Jahren damit anfängt, ist  doch die Alterspanne gewaltig, in der junge Menschen damit beginnen, manche schon mit zwei Jahren, andere erst mit 13 oder sogar 14 Jahren. Im schulischen Kontext geht man davon aus, dass ein junger Mensch, der bis zu diesem Alter noch nicht Lesen gelernt hat, dies wahrscheinlich nie richtig lernen wird. Darüber hinaus setzt der weitere Schulunterricht ab etwa der dritten Klasse die Beherrschung der Schriftsprache voraus, so dass Schüler, die diese dann noch nicht beherrschen, fast sämtliche Aufgaben nicht bearbeiten können – so dass in der Schule der Abstand immer größer wird und nie wieder aufgeholt werden kann. Bei selbstbestimmt Lernenden ist – auch wenn sie erst „spät“ Lesen lernen – oft schon nach kurzer Zeit kein großer Unterschied mehr im Vergleich zu gleichaltrigen  „frühen“ Lesern festzustellen. Harriet Patisson fand heraus, dass es nicht eine oder wenige bestimmte Arten gibt, wie junge Menschen Lesen und Schreiben lernen, sondern eine große Bandbreite verschiedenster Wege. Es gibt z.B. viele junge Menschen, die ganz spontan anfangen zu lesen, bei denen keiner vorher gemerkt hat, dass sie sich überhaupt damit beschäftigen. Sie lesen einfach los. Bei anderen gibt es ähnliche Prozesse zu beobachten wie bei meinen Kindern. Und dann gibt es auch noch diejenigen, die gerne mit einem Leselernbuch Lesen lernen und damit in die Buchstabenwelt hineinfinden.

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