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Lesen lernen 5 – Prüfungen schreiben

Prüfungen schreiben – geht das mit einem offenen Schreiblernprozess

Kommen die jungen Menschen zu unserer Bildungsbetreuung „Kern-Bildung“, um sich mit unserer Unterstützung auf einen externen Schulabschluss vorzubereiten, sind gerade diejenigen, die in ihrem Leben noch nie einen Aufsatz geschrieben haben, oft sehr verblüfft, wenn sie von mir die Rückmeldung bekommen, dass sie die Prüfung sicher problemlos schaffen werden. Für die Hauptschulabschlussprüfung ist meist kaum Vorbereitung erforderlich und für die höheren Abschlussprüfungen kann es notwendig sein, sich die verschiedenen Textformen zu erarbeiten, aber die Grundlagen, auf die es ankommt, sind vorhanden. Übt euch im Vertrauen in die Lernfähigkeit eurer Kinder und erfreut euch dann daran, wenn plötzlich etwas sichtbar wird. Unser jüngster Sohn war ein Jahr in der Regelschule, danach mehrere Jahre auf einer Freien Alternativschule und hat sich danach mehrere Jahre zu Hause gebildet. Sowohl in der Freien Alternativschule als auch zu Hause hat er nie viel geschrieben, hat sogar die Schreibschrift wieder verlernt. Dann war er mit 14 Jahren in England auf einer einwöchigen Schiffsreise auf einem alten Kutter, die eine unserer Home-Education-Gruppen organisiert hatte. Diese Schiffsreisen wurden von einer Wohltätigkeitsorganisation angeboten und waren sehr günstig. Eine Bedingung war allerdings, dass jeder Teilnehmer nach der Reise einen Bericht darüber abgeben sollte. Unser Sohn hatte bis dahin weder auf Deutsch noch auf Englisch mehr als ein paar Sätze geschrieben und hatte den Eindruck, er könne so etwas auch nicht. Daher bat er mich, ihn dabei zu unterstützen. So verabredeten wir uns an einem Morgen in der Küche, um diesen Text zu erstellen. Ich fing an, Vorschläge zu machen, was denn da rein könnte. Und Josias fing fast zeitgleich an zu schreiben, ohne mir auf irgendwas zu antworten. Nach kurzer Zeit meinte er, ich könne ihn das alleine machen lassen, er brauche jetzt meine Hilfe doch nicht. Auf Anhieb hatte er dann in einer Fremdsprache einen Text zusammengestellt, der kaum Fehler enthielt und sich richtig gut und spannend las. Es war nicht so, dass mich vorher in diesem Bereich die Angst plagte, aber danach hatte ich keinerlei Bedenken mehr.

Exkurs – Normierung der Orthographie

Die „richtige“ Schreibweise hat in unserer Gesellschaft einen hohen Stellenwert. Dabei scheinen verschiedene Aspekte immer wieder in Vergessenheit zu geraten. Erstens handelt es sich bei den „richtigen“ Schreibweisen um Vereinbarungen, die man so festlegen kann – oder auch ganz anders, wie nicht zuletzt die Rechtschreibreformen gezeigt haben. Zweitens, dass Sprache und Schreibweise ständigen Änderungen unterliegen, ja sich erst 1876 in der „Konferenz zur Herstellung größerer Einigung auf dem Gebiet der deutschen Orthographie“ hier eine Einigung zu einer einheitlichen Schreibweise stattgefunden hat. Beispielsweise hat Luther innerhalb seiner Bibelübersetzung teilweise für dasselbe Wort über ein Dutzend verschiedene Schreibweisen verwendet.

Der Sprachwandel ist sicher den meisten bewusst, z.B. durch immer wieder neue Jugendsprache, wovon dann einiges in den allgemeinen Sprachgebrauch übergeht und sich dadurch ändert. Aber auch die normierte Rechtschreibung hat sich seit der ersten Konferenz 1876 immer wieder geändert, was dann in weiteren Konferenzen festgelegt wurde. Die letzte Reform war 1996, allerdings folgten darauf noch drei weitere Änderungen. Es sind übrigens für den Privatgebrauch unverbindliche Regeln, die Bürger sind nicht verpflichtet, sich an diese Regeln zu halten, außer Schülern, Studenten und den Menschen, die für den Staat arbeiten. Dass man sich auf die „richtige“ Schreibweise in der deutschen Sprache bis heute nicht wirklich einig ist, zeigen auch die verschiedenen Regelungen in Deutschland, Österreich und der Schweiz.

Lesen lernen 4 – Lesen und schreiben in Freilernerfamilien

Lesen und schreiben in Freilerner-Familien

Was bedeutet dies nun für den Alltag bei Freilernerfamilien? Es gibt viele, viele Materialien, um sich mit Schrift zu beschäftigen. Viele junge Menschen finden es spannend, mit Magnetbuchstaben Wörter zu legen, Sätze zu stempeln, Buchstaben aus Salzteig zu formen oder die verschiedensten Aufgaben aus Lese- und Schreibheften durchzuarbeiten. Wenn der junge Mensch Spaß daran hat, auf diese Weise mit Buchstaben und Schrift zu arbeiten, dann kann man sich hier eine Auswahl zulegen. Diese Vielfalt ist aber nicht notwendig. Gerade fürs Schreiben reichen Stift und Papier, eine Tafel oder der Sandkasten. Viel wichtiger als die Materialien ist allerdings unser Umgang als Eltern mit der Schrift, unsere eigene Haltung zu Geschriebenem und Büchern. Ist Schrift für uns nur dazu da, um den Alltag zu bewältigen? Brauchen wir es vor allem im Beruf? Oder lieben wir Geschriebenes, weil wir darüber andere Welten erleben und erkunden können? Es macht einen Unterschied, ob junge Menschen ihre Eltern oder andere ihnen nahe stehende Menschen immer mal wieder mit einem Buch erleben, oder durch Zeitung und Internet lesend die Welt erkundend, als wenn diese sich nie damit beschäftigen. Natürlich hat es keinen Sinn sich zu verstellen, wenn man selbst nicht gerne liest. Dann kann man aber regelmäßiges Vorlesen dazu nutzen, mit seinem Kind zusammen in Geschichten zu versinken und Themen zu erkunden, sich darüber auszutauschen, ins Philosophieren oder Weiterspinnen zu kommen und gleichzeitig die körperliche Nähe zu genießen. Nach Studien über Kinder im Grundschulalter fördert regelmäßiges Vorlesen das Leseverhalten nachhaltiger als alles andere. Regelmäßiges Lesen von Büchern oder anderen Texten, und damit immer wieder das Schriftbild verschiedener Wörter und den Aufbau von Sätzen vor Augen zu haben, fördert wiederum das Gespür für die „richtige“ Schreibweise und für eine gute Ausdrucksfähigkeit.

Lasst eure kleinen Kinder verschiedenste Stifte benutzen, lasst sie damit herumkritzeln. Buchstaben formen sich dann irgendwann von selbst. Habt Spaß daran, diese Buchstaben und Buchstabenfolgen dann zu entziffern. Es ist immer eine Freude, wenn die Kinder wild drauflosschreiben und zu uns kommen und wissen wollen, was sie denn geschrieben haben: „chrfzxruf“ oder „ausbppal“. Schrift verbindet, auch schon in den Anfängen, wenn es zu wildem Gelächter bei diesen Wortgetümen kommt. Vor ein paar Jahren haben wir mit unseren Enkeln in Schweden ein Skype-Gespräch geführt  – der Ältere ist gerade intensiv dabei, sich die Schriftsprache zu erarbeiten. Wir haben herzlich über „Pups“ gelacht, was unser Enkel gerade das tollste Wort der Welt findet und genauso über die Ungetüme unserer Enkeltochter, die unlesbare „Bandwurmwörter“ zusammengestellt hat.

Ja, Schrift verbindet! Gerade der Schreiblernprozess hat in Freilernerfamilien zum Teil etwas so selbstverständliches, dass man die einzelnen Schritte fast vergisst. Da werden Notizen und Listen gemacht, Briefchen oder Postkarten geschrieben, Bilder beschriftet, kurze Ein-oder-zwei-Satz-Geschichtchen geschrieben, Erlebnisse aufgeschrieben. All das gehört zum Alltag und wird oft gar nicht mehr als Lernprozess wahrgenommen. Einige Kinder fangen schon in jungen Jahren an, Geschichten oder sogar Romane zu schreiben, andere schreiben nur selten etwas auf. Einige machen gerne Übungen aus Deutscharbeitsheften und nehmen die Aufsatzaufgaben daraus als Schreibanregungen, andere nicht. Die Häufigkeit des Schreibens ist nicht wichtig für die spätere schriftliche Ausdrucksfähigkeit. In Freilernerfamilien wird meist viel gesprochen und diskutiert. Dies trägt meiner Erfahrung nach wesentlich dazu bei, dass junge Menschen sich auch schriftlich gut ausdrücken können.

Lesen lernen 3 – Rechtschreibung braucht keine Eile – sondern Vertrauen

Exkurs Rechtschreibung

Ich schließe nicht aus, dass es junge Menschen gibt, ob diese nun in der Schule oder zu Hause lernen, die sowohl beim Schriftspracherwerb als auch beim Erlernen der normgerechten Rechtschreibung Unterstützung brauchen. In den Lehrplänen und in der Schule wird dieser Punkt in meinen Augen allerdings stark überbewertet. Ich habe in den letzten Jahrzehnten bei jungen Menschen beobachten können, dass sich deren Rechtschreibung im Alter zwischen 15 und 18 Jahren festigt und sie ab diesem Zeitpunkt kaum oder nur wenige Fehler im alltäglichen Schreiben machen, egal ob sie sich in der Schule bildeten oder zu Hause, ob nun mit viel Rechtschreibübungspraxis oder wenig. Mein Eindruck ist, dass sich in dieser Zeit im Gehirn etwas sortiert, denn auch junge Menschen, welche vorher große Schwierigkeiten mit Rechtschreibung hatten, beherrschten diese nun weitaus besser. Meines Erachtens ist es allerdings utopisch, zu glauben, dass jeder junge Mensch bis zum Erwachsenenalter die Rechtschreibung perfekt beherrschen wird, was gegenwärtig sicher auch nur auf wenige zutrifft, machen doch die meisten Erwachsenen hin und wieder Fehler.

In Deutschland haben wir trotz Schulpflicht seit Jahren über 7 Millionen mindestens funktionelle Analphabeten. Der Großteil von ihnen hat die Schule mit ihrem regelmäßigen Rechtschreibunterricht durchlaufen. In einer Welt, die von Schrift beherrscht wird, sind diese Menschen von wesentlichen Bereichen unserer Gesellschaft ausgeschlossen. Dieses Wissen im Hinterkopf lässt viele Eltern ängstlich reagieren, wenn ihre frei sich bildenden Kinder mit acht Jahren oder sogar noch später die Fähigkeiten des Lesens und Schreibens noch nicht gemeistert haben. War man über Jahrhunderte hinweg fast ausschließlich darauf angewiesen, Lesen zu können, um sich zu bilden, hat sich doch mit der Entwicklung der neuen Medien die Situation wesentlich vereinfacht, sich auch schon vor dem Erlernen dieser Fähigkeiten Informationen anzueignen. Fernsehen und Internet bieten eine große Fülle an Informationen, die zu einem guten Teil auch ohne Kenntnis der Schriftsprache zugänglich sind.

Beobachtungen an Sudbury-Schulen und die Ergebnisse der Studie über den Schriftspracherwerb von Harriet Patisson lassen vermuten, dass unsere Gesellschaft in Bezug auf das „richtige“ Alter und die richtige Art der Aneignung beim Schriftspracherwerb einiges überdenken sollte. Junge Menschen, die selbstbestimmt lernen, beginnen nicht alle zum gleichen Zeitpunkt damit, Lesen und Schreiben zu lernen. Auch wenn der größte Teil der selbstbestimmt Lernenden zwischen 7 und 8 Jahren damit anfängt, ist  doch die Alterspanne gewaltig, in der junge Menschen damit beginnen, manche schon mit zwei Jahren, andere erst mit 13 oder sogar 14 Jahren. Im schulischen Kontext geht man davon aus, dass ein junger Mensch, der bis zu diesem Alter noch nicht Lesen gelernt hat, dies wahrscheinlich nie richtig lernen wird. Darüber hinaus setzt der weitere Schulunterricht ab etwa der dritten Klasse die Beherrschung der Schriftsprache voraus, so dass Schüler, die diese dann noch nicht beherrschen, fast sämtliche Aufgaben nicht bearbeiten können – so dass in der Schule der Abstand immer größer wird und nie wieder aufgeholt werden kann. Bei selbstbestimmt Lernenden ist – auch wenn sie erst „spät“ Lesen lernen – oft schon nach kurzer Zeit kein großer Unterschied mehr im Vergleich zu gleichaltrigen  „frühen“ Lesern festzustellen. Harriet Patisson fand heraus, dass es nicht eine oder wenige bestimmte Arten gibt, wie junge Menschen Lesen und Schreiben lernen, sondern eine große Bandbreite verschiedenster Wege. Es gibt z.B. viele junge Menschen, die ganz spontan anfangen zu lesen, bei denen keiner vorher gemerkt hat, dass sie sich überhaupt damit beschäftigen. Sie lesen einfach los. Bei anderen gibt es ähnliche Prozesse zu beobachten wie bei meinen Kindern. Und dann gibt es auch noch diejenigen, die gerne mit einem Leselernbuch Lesen lernen und damit in die Buchstabenwelt hineinfinden.

Lesen lernen 2 – Sprache erschließen – Kommunkiationsmittel entdecken

Meine Kinder fingen zwar schon lange vor der Schulzeit an, sich mit Schrift zu beschäftigen, aber es gab keine kontinuierliche Auseinandersetzung damit. Es gab Phasen, in denen sie sich intensiv damit beschäftigten, fast den ganzen Tag Buchstaben malten o.ä., mal waren das zwei Wochen am Stück, mal mehrere Wochen, und dann gab es lange Phasen, oft Monate, in denen Schrift außer beim abendlichen Vorlesen keine Rolle spielte. Erstaunt stellte ich immer wieder fest, dass sie nach den Zwischenzeiten, in denen sie nicht „übten“, plötzlich Sachen konnten, die sie vorher noch nicht beherrscht hatten. Es schien, als ob sich im Gehirn in diesen „Ruhephasen“ einiges sortiert und gefestigt hatte.

Orthographisch richtiges Schreiben entwickelte sich über mehrere Jahre hinweg. Nun könnte man einwenden, dass meine Kinder fast alle in der Schule auch den Rechtschreibunterricht mitbekommen haben. Dennoch beobachtete ich schon vor der Schule, dass sie ein Bewusstsein entwickelten, dass es jeweils eine festgelegte normgerechte Schreibweise gibt, denn es kam oft vor, dass sie nachfragten, wie ein Wort denn „richtig“ geschrieben wird. Die Erkenntnis, dass es heutzutage (im Gegensatz zur Situation vor 1876 – siehe Kasten „Normierung der Orthographie“) eine festgelegte Schreibweise gibt, ist ein wichtiger Schritt auf dem Weg zum orthographisch richtigen Schreiben. Junge Menschen wollen sich dies aneignen. Es braucht nur seine Zeit, in der sie immer wieder ihr Schriftbild mit der richtigen Schreibweise vergleichen, auch wenn dies sicher nicht in jeder Schreibsituation der Fall ist.

Lesen lernen 1 – Diskrepanz zwischen freiem Leseerwerb und schulischen Methoden

„Mama, das heißt ‘Rebekka‚!“, sagte vor mehreren Jahren meine dreijährige Enkelin zu ihrer Mutter, nachdem sie eine ganze Tafel voll mit Kringeln gemalt hatte. Bögen, Kreise, Kringel, Schlingen, Zickzack, Schlangenlinien, Punkte, … – so beginnen viele junge Menschen, sich mit Schrift auseinanderzusetzen. Und sie geben diesen Zeichen dann eine bestimmte Bedeutung, meist der eigene Name, der Name von Geschwistern, Mama, Papa oder deren Namen.

Ich durfte diesen Prozess bei meinen beiden Töchtern schon während meines Lehramtsstudiums zu verfolgen. Da ich Deutsch für den Anfangsunterricht studierte, war das für mich besonders spannend. Beide Töchter haben schon früh angefangen, sich mit Buchstaben und Schrift zu beschäftigen, die eine mit zwei Jahren, die andere mit drei Jahren. Beide wurden von unserer gesamten lesebegeisterten Familie unterstützt, sie durften mit Oma, die Grundschullehrerin war, schon früh in die Schule und den reichhaltigen Materialfundus des Klassenzimmers nutzen, um ihre Schreibexperimente zu gestalten. Das abendliche Vorlesen gehörte bei allen unseren Kindern zum Bettgeh-Ritual.

Für mich war es eine Entdeckungstour, zu erleben, wie sich diese jungen Menschen Buchstaben und Schrift aneignen: Zeichen und Wörter zu erkennen, sich den Sinn zu erschließen, aus 26 einzelnen Buchstaben durch unterschiedliches Aneinanderreihen jeweils ganz neue Gebilde – Wörter – mit jeweils eigenen Bedeutungen entstehen zu lassen usw. Und setzen wir diese Wörter in Form von Sätzen und Texten zusammen, entstehen nochmals ganz neue Einheiten und Zusammenhänge – Zusammenhänge, die uns neue Welten erschließen lassen, uns mit anderen in Kommunikation treten lassen, uns über Dinge reflektieren lassen, und vieles andere mehr.

In Diskrepanz zu der Beobachtung bei meinen Töchtern standen die Methoden, die mir an der Pädagogischen Hochschule in meinem Fach „Anfangsunterricht“ vermittelt wurden. Im Anfangsunterricht – Erstlesen, Erstschreiben und Erstrechnen – stritten sich die Befürworter der Ganzwortmethode mit den Befürwortern der Silbenmethode darum, welche nun die bessere sei, um jungen Menschen in der Schule Lesen und Schreiben beizubringen. Auf der einen Seite die Beobachtung des natürlichen Prozesses bei meinen Töchtern und auf der anderen Seite die verschiedenen „besten“ Methoden, von denen ich bei meinen Töchtern nichts erkennen konnte – es war mir nicht möglich, beides miteinander in Verbindung zu bringen. Auch beobachtete ich während meiner Praktika in verschiedenen Schulen, dass jeweils einige Kinder in den Klassen mit diesen Methoden das Lesen erlernten, andere aber den Sinn von Buchstaben und Schrift auf diese Art einfach nicht erfassten. Zweifel an der Sinnhaftigkeit dieser Methoden als jeweils die passende Methode für jeden Schüler kamen bei mir schon recht früh auf. Warum wurde hier etwas als „sichere“ Methode propagiert, das für meine Töchter nicht zutraf und bei einigen Kindern jedes Jahrgangs nicht funktionierte?

Gegen Ende meines Studiums lernte ich die Konzepte von Professor Hans Brügelmann für den Anfangsunterricht und den Schriftspracherwerb kennen. Das offene Unterrichtskonzept, in dem der Prozess jedes einzelnen jungen Menschen gewürdigt wird und dieser darin so individuell, wie Schule es erlaubt, gefördert wird, hat mich stark angesprochen und ich konnte mir damals sogar vorstellen, nach meiner Ausbildung auf diese Art auch in der Schule zu arbeiten. Grundlage des Konzepts war der Spracherfahrungsansatz, der schon in den sechziger Jahren in der Alphabetisierungsarbeit mit benachteiligten Gruppen entstand. Grundlage beim Schriftspracherwerb sind die eigenen Erfahrungen. Geschrieben wird über die Dinge und Geschehnisse, die einen selbst betreffen. Nach diesem Ansatz erarbeitete Brügelmann zusammen mit anderen ein Konzept für den Anfangsunterricht, in dem es sowohl Angebote für alle gemeinsam gab, wie zum Beispiel das Kennenlernen der einzelnen Buchstaben, es aber dennoch bei jedem einzelnen Schüler lag, die Schrift für sich selbst zu entdecken. Voraussetzung hierfür war ein offener Unterricht. In Studien unter anderem an Vorschulkindern fanden sie auch heraus, dass die Aneignung der Schrift in mehreren Phasen hin zu einem der orthografischen Norm entsprechenden und deswegen als „richtig“ bezeichneten Schreiben verläuft, die jeder Schüler durchläuft. Über das rudimentäre Erfassen und Wiedergeben von Schrift, wie zum Beispiel ganz am Anfang eine nach Vokalen oder nach Konsonanten ausgerichtete Schreibweise, oder danach die Erarbeitung von Regeln über „falsche“ Schreibweisen, näherte sich der Schreibanfänger der orthographisch richtigen Schreibweise an. Anhand der „Fehler“, die ein Schüler vorwiegend macht, ist es Lehrern möglich, zu sehen, an welcher Stelle der Schüler in seinem Schriftspracherwerb steht, was eine individuelle Förderung ermöglicht. Allerdings stand diese Förderung zumindest in der Anfangsphase des Schriftspracherwerbs nicht im Vordergrund; Brügelmann forderte, Fehler zuzulassen. Zu der damaligen Zeit war dieser Ansatz ein völliges Novum, der aber wesentlich besser zu dem passte, was ich bei meinen eigenen Kindern beobachtete. Auch entstanden aus diesem offenen Ansatz heraus viele Materialien, die mir gefielen und die wir uns zum Teil auch für zu Hause zulegten wie zum Beispiel die Regenbogenlesekiste, eine Reihe von Büchlein, die nach Schwierigkeitsgraden aufgebaut ist. Später, während meines Aufenthalts in England, stellte ich fest, dass dort nur mit solchen Lesebuchreihen gearbeitet wird. Diese sind kein speziell entwickeltes Schulmaterial, sondern es gibt eine große Auswahl an Geschichten und Sachbüchern von mehreren Verlagen, die für jeden frei erhältlich sind.

Ich finde diesen Ansatz immer noch stimmig, habe ich doch erlebt, dass viele junge Menschen sich die Schrift auf diese Weise angeeignet haben. Allerdings war mir auch klar, dass dieser Spracherfahrungsansatz für Schulen entwickelt wurde, in denen kontinuierlich an den Fertigkeiten Lesen und Schreiben gearbeitet wird und der Schriftspracherwerb möglichst bis zum Ende der ersten beiden Schuljahren abgeschlossen sein sollte, weil ab dem dritten Schuljahr für den weiteren Unterricht die Beherrschung der Schriftsprache vorausgesetzt wird. Das führte meines Erachtens dazu, dass entgegen dem Rat Brügelmanns, Fehler zuzulassen, doch häufig ein in meinen Augen zu starker Blick auf die Rechtschreibförderung gelegt wurde.

Durch meine Beobachtungen zu Hause wurden mir wesentliche Aspekte bewusst:

  • der Schriftspracherwerb verläuft nicht immer kontinuierlich, sondern kann auch phasenweise verlaufen mit dazwischenliegenden Pausen.
  • normgerechte Rechtschreibung und Grammatik entwickeln sich auch ohne regelmäßiges Üben und ohne eine regelmäßige Beschäftigung mit den Regeln.
  • Eine gewandte Ausdrucksfähigkeit wird weniger durch schriftliches Üben als durch regelmäßige Gespräche und Lesen gefördert.

Heute beobachte ich, dass Brügelmanns Konzept kaum noch in den Schulen gelebt wird.

Bildung zu Hause – für Anfänger Teil 4

Von Karen Kern

Perspektivwechsel in der Bildung

Für eine veränderte Sichtweise in Bezug auf die Bildung, braucht es einen Perspektivenwechsel, so dass Eltern in allen Bereichen wahrnehmen können, was und wie ihre Kinder lernen. Den Fokus in der Bildung vor allem auf die schulischen Fächer zu richten, ist so, wie wenn ich durch ein Fernglas sehe. Dann nehme ich nur einen kleinen Ausschnitt wahr, diesen dann allerdings in großer Schärfe. Wichtig ist, entweder das „Fernglas“ auch auf andere Bereiche zu richten oder es „ganz weg zu legen“, um den Blick zu weiten. Dann wird es möglich, Lerngelegenheiten in Situation und Bereichen zu erkennen, an die vorher nicht gedacht wurde. Fällt Eltern dies schwer, hilft hierzu auch ein Austausch mit den Bildungsbetreuer*innen. Es kann auch helfen, mit anderen Eltern oder jugendlichen Freilerner*innen zu sprechen, die diese Situation schon hinter sich haben. Die Bildungsbetreuer*innen können dabei behilflich sein, den Blick auf die verschiedenen Lernsituationen im Alltag zu richten. In meinen Gesprächen zu Anfang der Betreuung höre ich regelmäßig, dass Sohn oder Tochter nur vor dem Computer sitzt und spielt, wenn ich dann nachfrage, stellt sich häufig heraus, dass z.B. die Tochter ganz viele Romane liest und besonderes Interesse fürs Ballett hat, oder der Sohn sich für die Landwirtschaft interessiert und regelmäßig beim Bauern nebenan mithilft und sich über alle schweren Fahrzeuge kundig macht.

Zusätzlich ist das Dokumentieren des Bildungsprozesses, der Themen und Fähigkeiten, sehr hilfreich.

Eine Dokumentation über einen längeren Zeitraum zeigt in der Regel eine Fülle an Bildungsaktivitäten auf, die im Alltag stattfinden. In unserer eigenen Freilernerzeit mit unseren Kindern haben wir nur ungern dokumentiert, aber es doch wenigstens über einen Zeitraum von einem halben Jahr durchgehalten. Mittlerweile bereue ich, dass wir das nicht länger gemacht haben. Wir haben nur einmal pro Woche meist nur wenige Stichwörter aufgeschrieben, aber über den Zeitraum eines halben Jahres hinweg kam da eine große Anzahl unterschiedlichster Aktivitäten, Interessen und Tätigkeiten zusammen. Mein mittlerer Sohn hatte diese Aktivitätenliste bei einem Gespräch mit der Oberschulamtspräsidentin dabei und diese war von dieser Liste schwer beeindruckt. Einige Zeit später haben wir allerdings dann hiermit auch noch negative Erfahrungen gemacht. Dieser Sohn hatte in dem erwähnten Gespräch einen Vertrag geschlossen, der ihm ermöglichte, zu Hause zu lernen. Eine Bedingung war, dass er sich einmal im Jahr beim Schulamt überprüfen lässt. Der zuständige Beamte konnte leider mit der umfangreichen Liste nichts anfangen. Er hat während des Termins nur rumgejammert, dass mein Sohn keine durchgearbeiteten Hefte mitgebracht hat. Er hat allerdings damit nur seine eigene Unflexibilität gezeigt. Auf der Liste waren ausreichend Themen, die auch Lehrkräfte für ein „Prüfungsgespräch“ hätten nutzen können.

Austausch mit anderen Freilerner*innen

Sorgen und Bedenken können auch im Gespräch und Austausch mit anderen Eltern abgebaut werden. Bei Freilernertreffen können gerade Berichte von Eltern älterer Freilerner*innen über den Umgang mit den Anfangsschwierigkeiten hilfreich sein. Zu hören, dass der Sohn von Familie G. ebenfalls drei Jahre lang erst nachmittags aus dem Bett kam und dafür die Nacht zum Tag gemacht hat, kann einen dazu veranlassen, erstmal innerlich aufzuseufzen: „Oh je, so lange müssen wir das aushalten!“ Dann aber zu hören, dass gerade dieser Sohn nun keinerlei Problem hat, morgens in aller Frühe aus den Federn zu kommen, weil er ein Praktikum (oder eine Ausbildung, o.a.) macht, sorgt für Erleichterung. Diese jungen Freilerner*innen bei Freilernertreffen zu erleben, ihr Auftreten, ihre offene Art und Weise und ihr Umgang mit anderen, mit Erwachsenen, Gleichaltrigen und Jüngeren, kann das sein, was einen am allermeisten von Sorgen und Ängsten befreit.

Bildung zu Hause – für Anfänger Teil 3

von Karen Kern

Deschooling

Kinder und Jugendliche, die durch die Schule stark blockiert oder sogar traumatisiert sind, brauchen eine mehr oder weniger lange Zeit der Entschulung (bzw. des Deschooling). Egal welche Vorstellung Eltern von der Art der Bildung haben, sei dies strukturiertes Lernen oder selbstbestimmte und selbstorganisierte Bildung, kann die erste Phase, nachdem die Kinder und Jugendlichen zu Hause geblieben sind, als ganz schön anstrengend erlebt werden. In dieser Zeit ist es normal, dass der Bildungsalltag nicht dem Bild entspricht, welches sich Eltern davon gemacht haben. Sehen sie dann einen jungen Menschen, der nicht weiß, was er will, dem langweilig ist oder der sich exzessiv mit Computerspielen beschäftigt, kann dies Angst machen. In dieser Phase ist es in meinen Augen sehr wichtig, dem Kind oder dem Jugendlichen Vertrauen entgegenzubringen, das Vertrauen darin, dass sie wieder zu sich und dann auch ihren Weg finden.

Wird aufgrund von elterlicher Angst ständig Druck gemacht, dass die jungen Menschen jetzt doch endlich anfangen sollen zu lernen, kann dies rasch zum Beziehungskiller werden, Auseinandersetzungen folgen und die gewünschten Veränderungen können erstmal in weite Ferne rücken.

Herausforderung für Eltern

Selbstbestimmte und selbstorganisierte Bildung verträgt sich nicht mit einem hierarchischen Familiengefüge, in dem die Eltern die allwissende, regel- und tonangebende Rolle einnehmen. Lassen Eltern in einem Bereich ein großes Maß an Selbstbestimmung zu, dann wird dies auch in anderen Bereichen von den jungen Menschen eingefordert. Viele Eltern, die sich mit den Themen „Freilernen“ und „selbstbestimmte und selbstorganisierte Bildung“ schon beschäftigt haben, haben sich auch mit einer anderen Art des Umgangs mit ihren Kindern beschäftigt. Dennoch können auch bei diesen im neuen Bildungsalltag zu Hause wieder herausfordernde Situationen entstehen. Auch bei Eltern, die sich erstmal vor allem Homeschooling vorstellen können, stellen sich herausfordernde Situationen ein, gerade wenn die Kinder sich gegen „Unterricht“ stellen und bei schulischen Arbeitsmaterialien streiken. Wenn sie dann einen offeneren Weg gehen wollen, dann kann es sein, dass auch im Beziehungsbereich Änderungen notwendig werden, hin zu einem gleichberechtigteren Miteinander.

Auch wenn sich die Einstellung und das Verhalten gegenüber jungen Menschen in unserer Gesellschaft in den letzten Jahrzehnten geändert hat, bestimmen häufig noch tradierte gesellschaftliche Sichtweisen den Erziehungs- und Bildungsbereich, viele Einstellungen werden unhinterfragt übernommen und weitergegeben. Tradierte Sichtweisen zu hinterfragen und dann daraufhin sein Verhalten zu ändern, kann erstmal zu großer Unsicherheit führen, vor allem, wenn Eltern eher autoritär mit ihren Kindern umgegangen sind. Selbstbestimmte und selbstorganisierte Bildung ist meines Erachtens auf dieser Grundlage nicht möglich. Daher kann gleichzeitig zur Unsicherheit in der Bildung auch eine Unsicherheit auf der Beziehungsebene kommen.

Um hier einen Übergang gut zu meistern, braucht es die Fähigkeiten Akzeptieren, Wahrnehmen, Zuhören und Vertrauen. Falls Eltern sich in immer wieder gleichen Auseinandersetzungen finden, kann auch eine Beschäftigung mit gewaltfreier Kommunikation mit Kindern sinnvoll sein.

Akzeptieren

Zum Akzeptieren gehört, zu erkennen, dass es Zeit braucht, bis die Tochter oder der Sohn in sein neues Leben hineingefunden hat. Die meisten von uns „Erwachsenen“ haben selbst schon Brüche in ihrem Leben durchlebt und wissen aus eigener Erfahrung, dass bei einem raschen Wechsel von einer Lebenssituation in eine neue Situation Anfangsschwierigkeiten bewältigt werden müssen. Wenn wir uns bewusst machen, welch grundlegende Änderung beim Wechsel von einer überwiegend fremdbestimmten Bildungssituation hin zum Übernehmen der Verantwortung für die eigene Bildung stattfindet, kann es nicht verwundern, wenn es (hin und wieder) Probleme gibt. Ich würde es mit der Situation eines Erwachsenen vergleichen, der sich nach einer Zeit im Angestelltenverhältnis selbstständig macht. Nachdem jemand bisher zugewiesene Aufgaben abgearbeitet hat, ist er plötzlich für alle Bereiche selbst verantwortlich, muss selbstständig strukturieren und organisieren. Die eigene Bildung für sich selbst wieder zu erobern, kann eine ähnliche Herausforderung sein.

Wahrnehmen

Zum Wahrnehmen gehört, Verletzungen zu erkennen und den jungen Menschen dabei zu begleiten, diese zu überwinden. „Zeit heilt alle Wunden“ heißt es. Oft genug habe ich beobachtet, dass dies auch in diesem Bereich zutrifft. Das heißt nicht, dass wir oder unsere Tochter, unser Sohn nicht auch Hilfe in Anspruch nehmen können, wenn die Verletzungen zu tief sind. Aber in jedem von uns stecken enorme Selbstheilungskräfte, die uns helfen, zu gesunden. In dieser Zeit braucht es zeitweise feine Fühler, um die Interessen und Bedürfnisse der eigenen Töchter und Söhne zu erspüren, um sie dabei zu unterstützen, diese zu verwirklichen. Wird dies von den Eltern nicht als Pflichterfüllung aufgefasst, können sie dabei für sich selbst auch Vorteile aus der Situation ziehen und Begeisterung für unbekannte oder vernachlässigte Bildungsthemen finden. Auch kann es großen Spaß machen und die Beziehung fördern, Themen gemeinsam zu erkunden oder gemeinsam Lösungen für Probleme zu finden. Manche jungen Menschen empfinden jegliche Vorschläge vonseiten der Eltern als Einmischung. Dann kann es heißen, sich selbst in Geduld zu üben und diese ihrem eigenen Prozess zu überlassen. Langeweile, lang genug ausgehalten, führt meiner Erfahrung nach auch zu neuen Ideen.

Wenn die Situation eine Therapie erfordert, dann braucht es verständnisvolle Therapeut*innen, die auch über den schulischen Kontext hinausblicken können. Normalerweise ist im Kontext von Schulverweigerung aus therapeutischer Sicht die Wiedereinschulung notwendig und eines der Haupttherapieziele. Daher kann es eine Weile dauern, bis Eltern therapeutische Unterstützung finden, die nicht diesen Weg als notwendig ansieht, sondern mit dem Kind oder Jugendlichen daran arbeitet, die aufgebauten Ängste, Traumatisierungen und Blockaden zu überwinden.

Vertrauen schaffen

Wenn junge Menschen einen langen schulischen Leidensweg hinter sich haben, bis die Eltern sich entschieden haben, sie auf dem Bildungsweg ohne Schule zu unterstützen, kann es sein, dass bei den jungen Menschen viel Vertrauen zu ihren Eltern verloren gegangen ist. Aus eigener Erfahrung weiß ich, dass dies erst wieder aufgebaut werden muss.

Einer meiner Söhne ist über Jahre hinweg gemobbt worden. Wir haben alle möglichen Dinge unternommen, um ihm dabei zu helfen, mit dieser Situation klar zu kommen. Die Idee, dass er sich ohne Schule bilden kann, kam uns lange Zeit nicht. Vorher sind wir gar nicht auf den Gedanken gekommen, dass Bildung ohne Schule überhaupt eine Möglichkeit sein könnte. In der Schulzeit (vor allem auch vor dem Ausstieg) war ich häufig überfordert und habe dadurch sehr unterschiedliche und widersprüchliche Botschaften ausgesandt. Sätze wie „Ich will meine Ruhe haben! Mach doch einfach, was die Lehrer sagen! Verhalte dich so unauffällig wie möglich!“ führen leider dazu, dass sich das eigene Kind allein gelassen fühlt. Wenn dann zwischenrein wieder unterstützende Botschaften kommen, dann führt dies beim jungen Menschen zu großer Verunsicherung. Eine solche Verunsicherung kann beim Kind oder Jugendlichen zu einem für Eltern herausfordernden Verhalten führen, auch zu einer herausfordernden Deschoolingphase für beide – Eltern und Kinder. Es braucht Zeit, bis der Sohn, die Tochter wieder Vertrauen fasst und den Eltern gegenüber Offenheit zeigen kann. Meiner Erfahrung und Beobachtung nach ist es hier hilfreich, als Mutter, Vater oder andere Bezugsperson mit dem Vertrauen eine Art Rahmen bereit zu stellen oder zu halten.

Zuhören

Es ist einfach, zu sagen, dass Vertrauen in den jungen Menschen das Wichtigste für ihn und den Bildungsprozess ist. Aus eigener Erfahrung weiß ich, dass es nicht immer einfach ist, dieses Vertrauen zu halten. Es macht Angst (auch wenn diese vielleicht erstmal nur als Wut oder Ärger gespürt wird), wenn der junge Mensch erst nachmittags aus dem Bett kommt und dann sogleich vor dem Computer verschwindet und womöglich jedes Gespräch vermeidet. Wenn durch ein solches Verhalten des Kindes Ärger zu spüren ist, dann passiert es schnell, dass dieser sich unangemessen äußert.

Ich habe es als verbindend erlebt, Ärger, Wut oder Angst meinen Kindern gegenüber auszudrücken und mit ihnen dann ins Gespräch zu kommen. Dies führt zum Zuhören. Die Angst zu nutzen, um ins Gespräch zu kommen, setzt allerdings voraus, unsere Ängste und Befürchtungen zu hinterfragen. Welches Verhalten löst die Angst aus? Ist diese Angst begründet? Junge Menschen haben feine Fühler und spüren diese Angst und kämpfen, wenn diese nicht ausgesprochen wird, zum Teil auch dagegen an.

Daher kann das Aussprechen der eigenen Angst dazu führen, dass die jungen Menschen schildern, wie es ihnen geht und wie sie es erleben. Ich bin da oft auf große Klarheit bei meinen Kindern gestoßen, und konnte so die Angst wieder ablegen. Falls es Konflikte oder Probleme gibt, können dann auch alle gemeinsam schauen, wie mit dieser Situation umzugehen ist. In der Regel finden sich Lösungen, mit der alle zufrieden sind.

Bildung zu Hause – für Anfänger Teil 2

von Karen Kern

Selbstbestimmte und selbstorganisierte Bildung

Selbstbestimmte und selbstorganisierte Bildung bei jungen Menschen findet größtenteils informell, also ungeplant, im Alltag fast nebenher statt, in Gesprächen, beim Spielen, Fernsehen, Computerspielen, Einkaufen, Spazieren gehen, Kochen, auf Reisen, Freunde besuchen, ins Museum gehen, Vorlesen und bei vielen anderen Tätigkeiten und Situationen. Bei jüngeren Kindern, die im Alltag noch eng an die sie begleitenden Erwachsenen gebunden sind, bekommen die Eltern (oder die anderen Begleiter*innen) noch viel mit, was die Kinder täglich erleben, bei den älteren dann meist nicht mehr so viel.

In der Fachliteratur wird das Lernen mit einem Eisberg verglichen: der sichtbare Teil über der Wasseroberfläche entspricht dem formalen Lernen (geplante institutionelle Bildung), der unsichtbare unter der Wasseroberfläche dem informellen Lernen. In meinen Augen verhält es sich ähnlich mit der Wahrnehmung des Lernens bei jungen Menschen, die selbstbestimmt und selbstorganisiert lernen. Es wird außerdem angenommen, dass insgesamt mindestens 70% des Lernens informell stattfindet, manche Autor*innen bzw. Wissenschaftler*innen nehmen an, dass es sogar 90 % sein können.[1] Über Jahrtausende hinweg war das informelle Lernen die Form des Lernens der Menschen. Erst seit Einführung der Schulpflicht (in einigen Teilen Deutschland schon im 15. und 16. Jahrhundert) hat eine Änderung begonnen und heute wird in den industrialisierten Gesellschaften meist ohne Nachdenken Lernen mit schulischem Lernen gleichgesetzt.

Junge Menschen, die sich weigern weiterhin in der Schule zu lernen, geben als Gründe für ihre Weigerung häufig an, dass sie nicht in dem ihnen aufgezwungenen Takt und die ihnen aufgezwungenen Themen lernen wollen. Sie wollen ihre Bildung zumindest mitbestimmen. Wenn der Wechsel dann stattgefunden hat und sie von zu Hause aus lernen, dann wollen diese jungen Menschen häufig nicht mit Schulmaterialien lernen und lehnen oft auch die schulischen Fächer und deren Inhalte ab. Letzteres ist bei jungen Menschen, die nie in der Schule gelernt haben, selten der Fall.

Fangen junge Menschen nach einer mehr oder weniger langen Schulzeit an, zu Hause zu lernen, haben wir die Erfahrung gemacht, dass sie eine Phase der „Entschulung“ brauchen, bis sie wieder wissen, was sie interessiert und was sie machen wollen. Diese Zeit kann ein paar Wochen dauern, mehrere Monate und in wenigen Fällen auch mehrere Jahre.

Unsere Erfahrung ist ebenfalls, dass Schule zu Hause in der Regel nicht oder nur für kurze Zeit funktioniert. Das kann für Eltern, die Lernen nach Plan bevorzugen, heißen, sich von dieser Vorstellung eventuell sogar recht bald zu verabschieden. Wenn geplantes Lernen für die Kinder in Ordnung ist, dann braucht es auch keine Änderung.

Alan Thomas hat in seiner ersten Studie „Bildung zu Hause – eine sinnvolle Alternative“ herausgefunden, dass in den meisten Fällen ein allmählicher Wechsel vom fremdbestimmten vorgeplanten strukturierten Lernen zu flexiblerer spontanerer unstrukturierterer Bildung stattfindet. Er schreibt, dass viele Eltern, wenn sie in Lehr- oder Lernsituation ihren Kindern gegenübersitzen, an den glasigen Augen ihrer Kinder gemerkt haben, dass es nicht sinnvoll möglich war, schulisch geplant und strukturiert weiterzumachen. Von den untersuchten Familien haben viele mit einer Art Homeschooling angefangen, ihren Kindern dann aber mehr Freiheit im Lernen gelassen, als sie gemerkt haben, dass das für ihre Familie nicht funktioniert hat.

Strukturiertes Lernen in schulischen Fachbereichen

Haben Eltern große Angst davor, dass ihre Kinder auf informellem Wege nur wenig oder nichts lernen, dann können Eltern Kompromisse mit ihren Kindern schließen. Hier gibt es verschiedene Möglichkeiten und es ist sinnvoll, gemeinsam zu schauen, was für die Kinder passend ist und womit sich diese ohne Druck anfreunden können. Druck auszuüben, ist weder für die Beziehung noch für das Lernen sinnvoll. Hier ein paar Vorschläge:

  • Einmal pro Tag in Mathematik, Deutsch und in der Sekundarstufe I auch in Englisch etwas arbeiten (zeitlich kann hier natürlich variiert werden, es können ebenso gut zwei oder drei Tage pro Woche sein)
  • An einem Tag in der Woche Deutsch, an einem anderen Tag in der Woche Mathematik machen
  • Sachkundliche, naturwissenschaftliche oder gesellschaftswissenschaftliche Themen projektartig lernen und regelmäßig an einem oder zwei solcher Projekte arbeiten

Wichtig ist hier meines Erachtens, mit den Kindern zu klären, für was sie bereit sind, ob sie sich vorstellen können Mathe, Deutsch und Englisch zu machen. Falls sie nicht bereit sind, mit Arbeitsheften zu lernen, findet man immer auch noch andere Möglichkeiten, sich mit diesen Themen zu beschäftigen. Die Lernbegleiter*innen von Kern-Bildung können hier weiterhelfen.

[1] z.B. Fauré Studie der UNESCO von 1972 oder: Günther Dohmen „Das informelle Lernen“ bpb

Bildung zu Hause – für Anfänger Teil 1

Von Karen Kern

Entscheidung vor der Schulzeit

Dein fünfjähriger Sohn sagt schon seit einiger Zeit, dass er nicht zur Schule gehen will. Erst hat dich das irritiert und dir Angst gemacht. Dein Sohn formuliert sehr klar seine Gründe, die du nachvollziehen kannst. Er sagt, dass er nicht in einem Ort wie der Schule lernen will, sondern weiterhin so wie er das zuhause macht. Da du die Meinung deines Sohnes respektierst, fängst du an dich zu dem Thema kundig zu machen. Du bittest ihn aber auch, dass er zum Zeitpunkt der Einschulung die Schule besucht, um zu sehen, ob seine Erwartungen denn auch wirklich zutreffen. Durch deine Recherchen ändert sich deine Vorstellung von Bildung und du kannst dir ein Lernen von zu Hause aus gut vorstellen.

Dann wird dir mein nachfolgender Text womöglich Bestätigung bringen für deine Entscheidung, deinen Sohn zu unterstützen und einen kleinen Ausblick darüber, wie es weitergehen kann mit dem Bildungsprozess.

Entscheidung während der Schulzeit

Deine Tochter ist auf der weiterführenden Schule und ihr geht es dort zunehmend schlechter. Sie wird gemobbt und kann sich aufgrund des Klassenklimas nur schlecht konzentrieren. Nach einigen Monaten sagt sie, dass sie nicht mehr weiter dort hingehen will. Ihr diskutiert das. Deine Tochter äußert sehr klar ihre Gründe. Sie will in diesem Klima des Mobbings nicht mehr leben und sie kann darin auch nicht lernen, weil der ständige Druck durch ihre Mitschüler sie so belasten. Du bzw. ihr als Eltern entscheidet, dass ihr eure Tochter auf diesem Weg unterstützen werdet. Ihr habt zwar ein bisschen im Internet recherchiert, aber ihr könnt euch das Lerngeschehen zuhause noch gar nicht vorstellen. Im weiteren Text findet ihr viele Gedanken zu den ersten Schritten und was auf euch zukommen kann.

Haltung von Kern-Bildung zur Bildung

Wir von Kern-Bildung konzentrieren uns vor allem auf die Begleitung junger Menschen, die sich selbstbestimmt und selbstorganisiert bilden. Daher gehe ich auf diese Art Bildung hier intensiver ein. Menschen, gerade junge Menschen, sind kleine „Lernmaschinen“, sie können gar nicht anders als sich bilden. Das menschliche Gehirn verarbeitet ständig alles, was von außen auf uns einwirkt, seien dies nun Sinneserfahrungen oder philosophische Gedankenwelten, die auf uns einwirken und uns zugetragen werden. Junge Menschen lernen in den ersten sechs Lebensjahren so immens viel wie vermutlich zu keinem anderen entsprechenden Zeitraum im Leben mehr. Sie lernen, ihren Körper zu beherrschen, sich aufrecht zu bewegen, in einer oder eventuell sogar mehreren Sprachen zu kommunizieren, sich anzupassen, zu entscheiden, was richtig und was falsch ist, sich mit anderen auseinander zu setzen und noch vieles andere mehr.

Besuchen junge Menschen nie eine Schule, dann geht der Lernprozess im Schulalter so weiter, wie die meisten Eltern ihn aus der Zeit vor der Schule kennen. Meist beschäftigen sie sich mit einem oder ein paar Themen vertiefend, andere streifen sie oder diese sind für kurze Zeit interessant. Fertigkeiten wie z.B. Lesen, Schreiben oder Rechnen werden selten in einem stetigen Prozess gelernt, sondern eher zyklisch. Mal beschäftigen sie sich für ein, zwei Wochen nur mit diesem Thema und dann bleibt es wochenlang oder sogar monatelang liegen. Wenn sie es dann wieder aufgreifen, dann ist oft zu beobachten, dass sie Dinge können, die vorher noch gar nicht da waren. Meist bilden sich bis zum Alter von 10 – 12 Jahren bei den jungen Menschen bestimmte Themen oder Vorlieben heraus, die sie regelmäßig verfolgen, z.B. das Spielen eines Instruments, das Schreiben von Geschichten, Mathematik, Astronomie, Technik, Handarbeiten, Kochen, Werken, Informatik, etc.

Egal wie alt die jungen Menschen sind, wichtig ist meines Erachtens, dass sie in ihrem Lernen begleitet werden, ihre Fragen beantwortet werden und sie dabei unterstützt werden, neue Themen und Fertigkeiten zu erschließen: z.B. ihnen dann Materialien bereitzustellen oder vorzuschlagen, ihre Fragen zu beantworten, Gespräche mit ihnen zu führen, ihnen vorzulesen, u.v.m.

Der Alltag kann bei den einzelnen jungen Menschen sehr unterschiedlich aussehen und ebenfalls von Familie zu Familie variieren. Natürlich ist die Intensität der Begleitung in den verschiedenen Altersstufen unterschiedlich und ändert sich auch in der Art und Weise mit zunehmendem Alter.

Die Erfahrung zeigt, dass junge Menschen selbstbestimmt und selbstorganisiert alles lernen, was sie zum Leben brauchen und zum gegebenen Zeitpunkt auch fähig sind, eine Abschlussprüfung mit einer angemessenen Vorbereitung gut zu bestehen.

Unterschiedliche Ausgangssituationen für Eltern

Wenn junge Menschen sich nach einem zeitweisen Schulbesuch entscheiden, sich nicht mehr weiter in der Schule zu bilden, haben die meisten Eltern kaum eine Vorstellung davon, wie die Bildung zu Hause aussehen wird. Nachdem in unserer Gesellschaft Bildung mit Schulunterricht gleichgesetzt wird, denken auch viele Eltern, dass die Bildung zu Hause im Rahmen der schulischen Fächer mit Schulbüchern und Arbeitsheften stattfindet. Das oft als „Homeschooling“ bezeichnete schulisch begleitete Lernen zu Hause in Coronazeiten fördert diese Sichtweise auch noch.

Eltern, die sich schon vor dem Einschulungsalter ihrer Kinder mit dem Thema „Bildung zu Hause“ beschäftigt haben, haben meist eine genauere Vorstellung davon, wie diese aussehen soll und haben in der Regel auch Präferenzen. Unterschiede gibt es nicht nur hinsichtlich der Bezeichnung: Einige möchten „Homeschooling“ praktizieren, andere wollen auf jeden Fall ihren Kindern „Freilernen“ ermöglichen. Keiner dieser Begriffe ist wirklich klar definiert, und meiner Erfahrung nach kann die Vorstellung davon, was man darunter versteht, sehr unterschiedlich sein. „Homeschooling“ wird hier in Deutschland oft als von den Eltern (oder der Schule) strukturierter und vorgeplanter „Schulunterricht zu Hause“ verstanden, in den USA wird er allerdings oft als Überbegriff für alle Arten der Bildung zu Hause verwendet. Auch der Begriff „Freilernen“ wird meiner Erfahrung nach sehr unterschiedlich verstanden. Daher bevorzuge ich die Bezeichnung „selbstbestimmte und selbstorganisierte Bildung“ – weitgehend vom jungen Menschen selbst bestimmt und von der Familie selbst organisiert.

Bildung ohne Schulbesuch – brauchen junge Menschen diese Möglichkeit in Deutschland?

von Karen Kern

Schulbesuchspflicht oder Bildungspflicht

In Deutschland gibt es in allen Bundesländern eine praktisch ausnahmslose Schulbesuchspflicht. Alle jungen Menschen im Alter zwischen 6 und in der Regel 18 Jahren (in manchen Bundesländern auch noch darüber hinaus) müssen eine Präsenz-Schule besuchen. Ausnahmen werden in Deutschland nur selten akzeptiert. Die Gesetzeslage in den deutschen Bundesländern steht im Gegensatz zu der in vielen anderen Ländern. In den europäischen Ländern wie z.B. Österreich, Großbritannien, Irland, Portugal, Frankreich, Belgien, u.a. gibt es ganz unterschiedliche Regelungen. Teilweise werden Ausnahmen zugelassen, in einigen Ländern besteht eine Bildungspflicht, in wenigen eine Unterrichtspflicht, in anderen gibt es ein ausdrückliches Recht auf selbstorganisierte Bildung von zu Hause aus.

Geschichte der Schulpflicht in Deutschland

In Deutschland stellen nur wenige die Schulbesuchspflicht in Frage. Grundsätzliche Zweifel daran kommen den meisten Menschen, gerade auch Eltern, gar nicht in den Sinn, obwohl sich viele junge Menschen in der Schule in einer Situation befinden, an der sie selbst und ihre Eltern zumindest zeitweise verzweifeln. Vermutlich ist diese Überzeugung entstanden, weil in einzelnen deutschen Landesteilen schon sehr früh eine Schulpflicht eingeführt wurde. Die Anfänge gehen bis ins 16. Jahrhundert zurück. Das Herzogtum Pfalz-Zweibrücken führte die allgemeine Schulpflicht als erstes 1592 ein. Viele andere Länder folgten über die nächsten Jahrhunderte hinweg, wobei es sich meistens eher um eine Unterrichtspflicht handelte. Mit der Weimarer Verfassung wurde dann ab 1919 für ganz Deutschland eine allgemeine Schulpflicht im Sinne einer Schulbesuchspflicht festgelegt wurde. In der Zeit der Weimarer Republik waren allerdings noch Ausnahmen möglich. 1938 wurde im Reichpflichtschulgesetz festgeschrieben, dass Kinder und Jugendliche, welche die Schulpflicht nicht erfüllen, der Schule zwangsweise zugeführt werden – notfalls auch mit Hilfe der Polizei. Die Möglichkeit zu einem solchen Schulzwang findet man auch jetzt noch oder wieder in den Schulgesetzen der deutschen Bundesländer. Wir haben also in Deutschland eine lange Geschichte mit Schule und Schulpflicht, die Schulbesuchspflicht ist in den gesellschaftlichen Konventionen fest verankert. In meinen Gesprächen in den letzten Jahren wurde mir klar, dass von vielen Menschen Bildung mit Schule gleichgesetzt wird. Die Bürger*innen, Politiker*innen, Behördenvertreter*innen aber auch Eltern wie Kinder können sich unter Bildung gar nichts anderes mehr vorstellen. Meist wird Bildung unterteilt in den grundlegenden, wichtigen, wesentlichen Teil, der in der Schule stattfindet und in den anderen Teil, der meist nur als Spielerei angesehen wird und in der Freizeit stattfindet.

„Ich will nicht mehr zur Schule gehen!“ – Gründe unserer Söhne

Auch wir als Eltern und auch als Lehrer*innen haben über Jahre hinweg die Schulbesuchspflicht nicht angezweifelt und uns Bildung ohne Schule zunächst auch nicht vorstellen können. Wir haben allerdings über einen längeren Zeitraum hinweg die Haltung unseren Töchtern und Söhnen gegenüber geändert und zu einem partnerschaftlichen Umgang gefunden. Dies hieß, dass wir zunehmend die Entscheidungen unserer Töchter und Söhne zu ihren eigenen Angelegenheiten akzeptierten, und bei gemeinsamen Entscheidungen diese auch gemeinsam trafen. Daher hat uns das Thema „Bildung ohne Schule“ irgendwie ganz plötzlich getroffen, als zwei unserer Söhne mit 11 und 14 Jahren gesagt haben, dass sie künftig ohne Schule lernen wollen. Die Gründe waren unterschiedlich, aber für uns Eltern sehr wohl nachvollziehbar. Und wir hatten den Eindruck, wenn wir unsere Söhne nicht in dieser Entscheidung unterstützen, dann würde dies auch unsere Beziehung gefährden. Einer unserer Söhne wurde jahrelang gemobbt. Wir haben intensiv versucht, innerhalb des Systems etwas zu machen, um seine Situation zu verbessern. Regelmäßige Gespräche mit Lehrkräften und Schulleitungen, regelmäßige Besuche und Gespräche bei der schulpsychologischen Beratungsstelle, zwei Schulwechsel, eine mehrwöchige sozialpsychologische Kurz, u.a. haben die Situation unseres Sohnes leider nicht verbessert. Die Gespräche mit den Lehrkräften und den Schulleitungen der staatlichen Schulen waren eher demotivierend. Entweder haben die Lehrkräfte und Schulleitungen geleugnet, dass Mobbing stattfindet, bzw. sie haben es nicht bemerkt, oder es wurde uns gesagt „Ihr Sohn macht doch auch was!“. Seine Klassenlehrerin an der letzten Schule, einer Waldorfschule, hat sich allerdings stark für eine Änderung der Situation eingesetzt. Sie hat z.B. ein Anti-Mobbing Programm eingeleitet. Allerdings war die Situation schon so stark fortgeschritten, dass auch unser Sohn auffällige Verhaltensweisen entwickelt hatte, die seine Mitschüler dazu animiert haben, ihn weiterhin zu mobben. Unser jüngerer Sohn hatte schon zu Beginn der ersten Klasse gesagt, dass er nicht mehr in die Schule gehen will. Nach einer Spieltherapie ist er dann ein halbes Jahr später doch zur Schule gegangen. Er hat seitdem immer wieder gesagt, dass er ohne Schule besser lernen würde. In der 6. Klasse kam Verschiedenes zusammen. Er wollte nicht weiter in einem Klima lernen, in dem für die unterschiedlichen Altersgruppen so unterschiedliche Regeln herrschten wie für Schüler*innen und Lehrer*innen, wie z.B. dass Schüler*innen für das Zuspätkommen bestraft werden, Lehrkräfte aber nicht. Außerdem war seine Mathelehrerin krank und die Klasse hatte über mehrere Monate hinweg ständig andere Vertretungslehrkräfte. Der Lehrer, den sie dann in Klassenstufe 6 bekamen, hat sich den Schüler*innen gegenüber ständig ungerecht verhalten. Nachdem er die gesamte Klasse für etwas bestrafte, was diese gar nicht getan hatte, wollte unser Sohn dies nicht mehr weiter mitmachen. Er sagte auch, dass er seine Bildung lieber selbst in die Hand nehmen will, anstatt weiter Unterricht zu haben.

Nicht nur unsere Söhne!

So wie unseren Söhnen geht es auch heute noch vielen jungen Menschen. Sicher würden nicht alle dieser jungen Menschen einen Bildungsweg ohne Schule gehen wollen. Und auch viele Eltern hätten entweder nicht die Kapazität, oder würden sich mit der Situation überfordert fühlen. Dennoch sollte es für junge Menschen die Möglichkeit geben, sich ohne Schule bilden zu können, wenn die Situation in der Schule für sie nicht stimmig ist oder sogar ihr körperliches und/oder psychisches Wohl gefährdet. Für viele würde es wahrscheinlich ausreichen, wenn sie sich für mehrere Wochen, oder ein paar Monate oder ein, zwei Jahre ohne Schule bilden könnten. Wäre so etwas selbstverständlich, dann wäre es auch nicht mehr mit dem Stigma Schulverweigerung oder Schulangst/Schulphobie und der entsprechenden Pathologisierung verbunden, mit denen junge Menschen, die sich selbstorganisiert bilden, fast automatisch versehen werden. Dann wäre die selbstorganisierte Bildung ein ganz normaler Bildungsweg.

Recht auf Selbstbestimmung bei der eigenen Bildung

Für mich ist allerdings wichtig, dass es nicht um eine paternalistische Maßnahme in besonderen Situationen geht, sondern um das Recht der jungen Menschen auf Mitbestimmung und Selbstbestimmung. D.h., dass nicht nur Ausnahmen genehmigt werden, z.B. für junge Menschen, denen es schlecht in der Schule geht, sondern dass junge Menschen das Recht zugesprochen bekommen, sich auch auf einem anderen Weg zu bilden als nur in der Schule, wenn sie sich selbst dafür entscheiden. Unsere Gesellschaft spricht jungen Menschen die Urteilsfähigkeit ab, solch weitreichende Entscheidungen zu treffen. Meine Erfahrung ist, dass junge Menschen sehr wohl hierzu fähig sind, vor allem wenn ihnen dies von den sie begleitenden Erwachsenen zugetraut wird. Ich habe erlebt, dass auch schon Fünfjährige oder sogar jüngere Menschen sehr klare und weise Entscheidungen treffen, wenn sie von Anfang ihres Lebens an ernst genommen werden. Natürlich sollte nach einer solchen Entscheidung klar sein, dass für eine Umgebung und Begleitung gesorgt ist, die es den jungen Menschen ermöglicht, sich zu bilden.

Belehrung ist nicht notwendig

Ich gebe zu, dass es mich zuweilen ungeduldig macht, diese Diskrepanz auszuhalten zwischen meiner Haltung, den jungen Menschen ernst zu nehmen, Vertrauen in seine Lernfähigkeit zu haben und seine Entscheidungen zu respektieren und der Haltung vor allem von Politiker*innen und Behördenvertreter*innen, dass der junge Mensch unmündig sei, sich auch dementsprechend verhalte und belehrt werden müsse.

Meine Kinder haben mir schon gezeigt, wie immens lernwillig und lernfähig sie sind, wie schnell und zum Teil tiefgehend sie sich etwas aneignen, wenn es sie interessiert, und wie kreativ sie mit Herausforderungen umgehen. Die jungen Menschen, die ich und meine Kolleginnen betreuen, zeigen mir dies ebenso wie meine vier Enkel, die in jeder Hinsicht die reinsten Kraftbündel sind, deren Kreativität und Neugier so überbordend ist, dass es die Eltern und uns Großeltern häufig überfordert. Bei meinen Enkeln beobachte ich wieder, wie diese Entwicklung von sich aus geschieht, wie die im Menschen angelegte Lernfähigkeit sich mit unermüdlichem Drang umsetzt – wie in den ersten sechs Jahren fast alles von selbst entwickelt wird, wie z.B. krabbeln, laufen, stehen, gehen, sprechen. Wie in der Interaktion mit anderen Menschen, jungen wie alten, die verschiedenen Konzepte über unsere Welt entstehen und das soziale Miteinander praktiziert und geübt wird. „Warum sollen Kinder ab dem Alter von 6 Jahren nicht so weiterlernen?“ So oder ähnlich hat das Alan Thomas, ein von mir geschätzter, mittlerweile emeritierter Psychologieprofessor der University of London gesagt, der umfangreiche Studien zur Bildung zu Hause durchgeführt hat, unter anderem zu informeller Bildung.

Forderung nach Öffnung unseres Bildungssystems

Wieder zurück zu meiner Frage „Muss Bildung ohne Schulbesuch für jungen Menschen in Deutschland möglich sein?“ Ja, es sollte schon lange möglich sein, dass sowohl junge Menschen selbst als auch ihre Eltern zusätzlich zum schulischen Bildungsweg einen Bildungsweg ohne Schule wählen können. Junge Menschen muss die Möglichkeit zugestanden werden, selbstbestimmt und selbstorganisiert zu lernen. Ebenso sollte ihnen ein Weg ohne Schule zur Verfügung stehen, wenn der von ihnen eingeschlagene schulische Weg sie krank macht. Denn sonst wandern Familien ins Ausland ab oder werden stigmatisiert. Obwohl sie sich für ihr Kind einsetzen, bekommen sie eventuell noch das Sorgerecht entzogen.

Forderung nach Öffnung unseres Bildungssystems

Wieder zurück zu meiner Frage „Muss Bildung ohne Schulbesuch für jungen Menschen in Deutschland möglich sein?“ Ja, es sollte schon lange möglich sein, dass sowohl junge Menschen selbst als auch ihre Eltern zusätzlich zum schulischen Bildungsweg einen Bildungsweg ohne Schule wählen können. Junge Menschen muss die Möglichkeit zugestanden werden, selbstbestimmt und selbstorganisiert zu lernen. Ebenso sollte ihnen ein Weg ohne Schule zur Verfügung stehen, wenn der von ihnen eingeschlagene schulische Weg sie krank macht. Denn sonst wandern Familien ins Ausland ab oder werden stigmatisiert. Obwohl sie sich für ihr Kind einsetzen, bekommen sie eventuell noch das Sorgerecht entzogen.

Mehr zur juristischen Betrachtung des Themas findet ihr im Podcast „Bildung mal anders“ in dem der Rechtsanwalt Jost von Wistinghausen interviewt wird.

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